Wir haben nichts zu befürchten

Auf der festlich geschmückten Straße hatten sie sich wieder versammelt, wie jede Woche. “Ausländer raus! Ausländer raus!” und “Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!”, skandierte die Masse und zog langsam in Richtung Innenstadt, ihre Fahnen schwenkend. “Stoppt die Islamisierung Europas!” war auf einem breiten Banner zu lesen, das mehrere Demonstranten vor sich hertrugen. Einige hielten demonstrativ einen Galgen aus Latten gezimmert in die Höhe, symbolisch reserviert für bekannte Regierungspolitiker, während ein Dutzend Reporter und Berichterstatter den gespenstigen Zug begleiteten. Aus der grölenden Meute wurde ihnen offener Hass und Missachtung entgegengeschleudert. “Lügenpresse verpisst euch! Ihr habt hier nichts verloren!”

Auf dem Kundgebungsplatz hatten sich schon die Hundertschaften der Polizei formiert. Mannschaftswagen blockierten Zufahrten und Absperrungen waren errichtet worden. Denn hinter der Polizeikette gruppierten sich schon die Gegendemonstranten, mit dem vermummten Block der Autonomen an vorderster Front. “Nazis raus! Nazis raus!”, schalte ihr Geschrei über den Platz. Mit zornigen Blicken und mit erhobenen, geballten Fäusten schoben sie sich demonstrativ vor die Absperrungen, eine Eskalation in Kauf nehmend. Jeden Augenblick konnte die Lage außer Kontrolle geraten, denn die ersten Teilnehmer des Demonstrationszuges betraten den Ort der vorgesehenen Kundgebung. Eine hochgradig explosive Ansammlung von gewaltbereiten Menschen hatten sich an diesem Adventswochenende in der City zusammengefunden.

Gegenüber dem Marktplatz erhob sich das altehrwürdige Stammgebäude eines bekannten Bankhauses. Die Geschäftsräume im Erdgeschoss waren schon in Dunkel gehüllt, während im ersten Stock die großen, hochgezogenen schlanken Fenster hell erleuchtet waren. Hinter den Glasscheiben waren die festlichen Kronleuchter im großen Saal deutlich zu erkennen. Heute Abend gab es im Haus etwas zu feiern. Auch in diesem Jahr konnte das Bankhaus mit einer hohen Gewinnzuwachsrate die Jahresbilanz abschließen. Nicht nur der Vorstand und der Aufsichtsrat konnten sich über eine kräftige Steigerung ihrer Boni freuen, auch für die Aktionäre sollte sich das zurückliegende Jahr in Form einer kräftigen Dividendenausschüttung gelohnt haben.

Auf der Balustrade über dem Portal der Bank standen mit Smoking, dem festlichen Rahmen entsprechend, bekleidet, zwei beleibte ältere Herren, eine edle Havanna rauchend und ein Glas Champagne in der Rechten. Ein wenig irritiert und distanziert ließen sie schweigend ihre Blicke hinunter auf die stetig wachsende Menschenmenge wandern. So vergingen fast zehn Minuten. Dann nahm einer der beiden Herren seine Havanna aus dem Mund, wandte sich seinem Begleiter zu und sagte etwas amüsiert lächelnd: “Solange die sich da unten gegenseitig bekämpfen, haben wir nichts zu befürchten!”

Zuvor veröffentlicht unter Flaschenpost vom 28.12.2015

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